Braradise
Eine Wissensseite über Körper, die bewusst keine Körper zeigt
Früher hatte ich ständig Rückenschmerzen. Auf der Suche nach der Ursache fand ich Erstaunliches vor: BH-Größentabellen stammen noch aus den 1930er-Jahren, rund 30 Jahre vor der Erfindung der ersten elastischen Faser, Lycra, und wurden seitdem nie angepasst. Schätzungen zufolge tragen 80 % aller Frauen unpassende BHs. Viele kommen abends nach Hause und ziehen ihren BH noch vor den Schuhen aus.
Während BHs an sich weder gesund noch ungesund sind, sind unpassende BHs schädlich. Sie verteilen das Gewicht der Brüste auf die Träger um, die sich in den empfindlichen Schulter- und Nackenbereich graben und Rücken-, Kopfschmerzen und Haltungsschäden verursachen.





In der Auswertung meiner Besuchsdaten erkannte ich, dass die allermeisten Besucherinnen über eine konkrete Frage auf meine Seite kamen. Um sowohl zugängliche Antworten zu liefern als auch auf die Komplexität des Themas hinzuweisen, schrieb ich ein Theme, welches direkt von der Suchanfrage zur relevanten Sektion springt, sich aber auch als Fließtext lesen lässt und dessen Sidebar die Komplexität des Themas vermittelt, aber auch verdaulich macht.

Analyse: Kein individuelles Missverständnis
Verkäuferinnen mit jahrelanger Erfahrung berichteten mir, noch nie sei eine Kundin mit einem bereits passenden BH zur Beratung gekommen. Ein einschlägiges Beratungsforum empfiehlt bei geschätzt 30 % aller Beratungen ein deutlich engeres Unterbrustband, als die Personen bis dahin trugen. Das ist kein individuelles Missverständnis, sondern ein strukturelles Informationsproblem – und genau davon verstehe ich als UX-Designerin etwas. Also habe ich die Lösung erweitert: von einer privaten Erkenntnis zu einer öffentlich zugänglichen Wissensseite.

Recherche: Monatelang, nicht nebenbei
Ich recherchierte monatelang, nahm mir für einige Zeit sogar einen Job in einem BH-Fitting-Studio und bestätigte meine Theorien mit Freundinnen und weiblichen Verwandten.
Design-Entscheidungen
Um die Komplexität des Themas herunterzubrechen – meine Zielgruppe sind frustrierte Frauen mit Schmerzen, nicht Fachpublikum – fertigte ich unzählige eigene Illustrationen an. Um Creeps von der Seite fernzuhalten, entschied ich mich konsequent gegen Fotos und konzentrierte mich auf freundliche, aber sachliche Linienzeichnungen. In den Texten selbst achtete ich auf anschauliche Vergleiche, einen wertfreien Umgang mit verschiedenen Körpern sowie eine feministische Einordnung.

Der Stand der Dinge
Ich betreibe die Seite seit 2019 und hoffe, noch vielen Frauen mit Rückenschmerzen zu helfen. Inzwischen hat Braradise rund 17.400 Besucherinnen und 193 Kommentare.
Das Problem war nie meine Figur. Es war ein System, das seit 90 Jahren niemand repariert hat.
