VOTA
Eine Meinungssäule, die fast zum Bundesforschungsprojekt wurde
VOTA ist in einem interdisziplinären Semesterprojekt mit Informatik-Studierenden der FU Berlin entstanden. Ein Team aus insgesamt sechs Design- und Informatikstudierenden, ein Problem, zwei völlig unterschiedliche Denkweisen – genau das hat die Lösung am Ende besser gemacht, als sie ein reines Design-Team je hinbekommen hätte.
Seit 2020 müssen Städte ihre Bürgerinnen bei Bauvorhaben beteiligen. Klingt nach mehr Demokratie. In der Praxis kommen aber vor allem die zu Wort, die sowieso schon laut sind. Frauen, sehr junge und sehr alte Menschen, formal niedrig Gebildete, Menschen mit Migrationshintergrund – sie alle fehlen überproportional oft. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Sondern weil Sprachbarrieren, Zeitmangel und der Zweifel an der eigenen Stimme sie erst gar nicht zur Umfrage kommen lassen.

Die Ausgangslage: Wer mehr Meinungen sammelt, hat mehr Arbeit
Der eigentliche Skandal steckt woanders. Online-Umfragen könnten das Problem lösen – mehr Menschen erreichen, niedrigere Hürden. Machen sie aber nicht. In Interviews mit Sachbearbeiterinnen der Stadt haben wir herausgefunden: Die Anzahl der Teilnehmerinnen wird bewusst klein gehalten, weil am Ende jemand die Antworten von Hand auswerten muss. Mehr Meinungen bedeuten mehr Überstunden. Also bleibt die Umfrage klein, und mit ihr die Zahl der gehörten Stimmen.
Die Idee: Eine Umfrage, die sich selbst auswertet
Wenn Handauswertung das Nadelöhr ist, muss die Auswertung eben automatisch laufen. Das war der Dreh- und Angelpunkt für VOTA.






Wir haben ein Poster und eine Säule gebaut, die zusammen auf ein Bauvorhaben aufmerksam machen. Wer stehen bleibt, scannt einen Code, beantwortet auf dem eigenen Handy eine kurze, bildbasierte Umfrage – fertig in unter einer Minute. Die Säule wertet live aus und zeigt sofort, wie andere abgestimmt haben. Ein LED-Zähler zählt sichtbar mit, wie viele Menschen schon teilgenommen haben, damit man sich als Teil von etwas Größerem fühlt, nicht als einsame Meinung im Nichts.
Für jede Antwort druckt die Säule einen eigenen, zur Meinung passenden Sticker aus, den man direkt aufs Plakat kleben kann. Wer anders abstimmt, bekommt ein anderes Motiv. So entsteht vor Ort ein wachsendes Bild aus lauter verschiedenen Stickern – Demokratie in Echtzeit, sichtbar für alle, die vorbeilaufen, nicht versteckt in einer Datenbank.

Selbst gebaut – und auf offener Bühne getestet
Wir haben das komplette System selbst gebaut: den Prototyp, das Umfrage-Interface, die Sticker-Motive – und einen ganz gewöhnlichen Kassenzettel-Drucker gehackt und umprogrammiert, damit er auf Knopfdruck das richtige Motiv ausspuckt.




Der Nachklang: Eine Mail, mit der niemand gerechnet hatte
Nach der Ausstellung kam eine Mail von Prof. Dr. Claudia Müller-Birn, die uns am Fachbereich Human-Centered Computing der FU Berlin betreut hatte:


„…das BMBF hat Mittel für ein Erprobungsprojekt im Bereich der Bürgerpartizipation ausgeschrieben. […] Daher haben wir beim BMBF Mittel beantragt, die Säule noch einmal neu zu bauen und in einem realen Stadtkontext im Rahmen der Bürgerpartizipation zu testen. […] Sie werden selbstverständlich immer als Mütter und Väter der Idee genannt werden.“
Ob die Förderung am Ende bewilligt wurde, weiß ich bis heute nicht – danach kam keine weitere Rückmeldung. Aber dass eine Forschungsgruppe bereit war, echte Bundesmittel zu beantragen, um ein Semesterprojekt in die reale Welt zu bringen, war schon mehr, als die meisten studentischen Arbeiten je erreichen.

Sein Debüt hatte das System auf der öffentlichen Abschlussausstellung, in einem eigenen Bereich, vor echtem Publikum. Besucherinnen füllten die Umfrage mit dem eigenen Handy aus, sofort wurde gedruckt. Weil eben ein Kassenzettel-Drucker dahintersteckte statt eines echten Sticker-Druckers, mussten die Ausdrucke mit Prittstift aufs Plakat geklebt werden. Die Leute haben es trotzdem geliebt.


